»Anis de Flavigny« bei Tires

Posted on Sep 29 2016 - 4:28am by Andreas Molau

Ganz unscheinbar liegt sie da auf dem Tresen. Bei Tires in Wolfenbüttel. Eine ovale Blechschachtel: »Anis de Flavigny« steht darauf. 

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Ein verspieltes Motiv, das eine Geschichte erzählt. Kein Label, das eine clevere Marketingabteilung ausgeklügelt hat. Eine echte Geschichte. Das kleine, eiförmige Bonbon ist ein wirklicher Genussbotschafter Frankreichs. Ein Produkt mit Tradition. Und mit Zukunft. Die Urkunden erwähnen diese Leckerei bereits im Jahre 1591. Damals wurde sie nahe der Stadt Semur hohen Gästen als Geschenk überreicht. Damit sind die »Anis de Flagigny« Frankreichs ältestes kommerzielle Süßigkeit überhaupt. Noch älter sind die Wurzeln der Spezialität. Denn die Geschichte des Ortes Flavigny reicht bis auf Julius Caesar zurück, von dem wir aus dem Lateinunterricht wissen, dass er dort sein Lager aufschlug, bevor er 52 v. Chr. Vertigetorix in Alesia, nur vier Kilometer entfernt, belagerte und besiegte. Einer seiner Gefolgsleute blieb in der schönen Landschaft zurück. Er hieß Flavius und lieh Flaigny also seinen Namen.

Die alte Rezeptur

Anis spielte im Mittelalter bereits eine Rolle in der Region. Heilkundige Mönche verarbeiteten sie als Dragee. Später verfeinerte man die Rezeptur. Ummantelte den Anissamen mit einer Zuckerhülle, die mit Rosen- oder Orangenblütenwasser parfümiert wurde. Und darauf basiert die Rezeptur noch heute. Früher war die Herstellung mit unglaublich viel Aufwand verbunden. Das Samenkorn wurde zunächst im Zuckersirup geschwenkt, bis es gänzlich davon umhüllt war. Dann musste die erste Schicht getrocknet werden. Das ging so lange, bis das Dragee fertig war. Sechs Monate dauerte die Prozedur. Im 19. Jahrhundert wurde eine Drageemaschine entwickelt. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Die alten Kessel sind die gleichen geblieben. Statt Dampfkraft sorgen nun nur viel leisere Elektromotoren für die Energie. Für die Herstellung brauc  ht es heute 15 Tage.

Noch immer ein Familienbetrieb

Und zum guten Schluss: Trotz der Ausbreitung sogar bis in die Lessingstadt, ist der Familienbetrieb auf dem Teppich geblieben. Die Herstellung wird nicht weiter optimiert. Die Arbeitsplätze, 25 Dorfbewohner stellen die süße Köstlichkeit her, sollen nicht gefährdet werden. Was für eine schöne Geschichte, die in Burgund ihren Anfang nimmt und bis nach Wolfenbüttel unter den Krambuden beim Feinkosthändler Tires auf seine deutschen Zuhörer und Genießer wartet.

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