Archäologie des Essens: eine kulinarische Reise durch die Zeit

Posted on Jan 2 2015 - 12:55pm by Andreas Molau

Nils Stadje ist ausgebildeter Archäologe und Koch-Azubi. In einer neuen Reihe bei Kulinarisch38 nimmt er uns mit auf eine kulinarische Reise durch die Zeit.

Nils Stadje

Nils Stadje

Eine verbreitete Annahme über Archäologen lautet, dass sie entweder in Museen arbeiten oder im Wüstensand Ägyptens nach Schätzen graben. Natürlich machen wir so etwas. Aber Archäologen können sich auch mit ganz anderen Themen beschäftigen, wie ich zum Beispiel. Ein Thema, was Sie als Leser von Kulinarisch38 bestimmt sehr interessieren wird, ist die Archäologie des Essens. Das Schöne an der Archäologie des Essens ist, dass sie ein Anker in einem stressigen Alltag sein kann. Die Vergangenheit kann so einen konkreten Gegenwartsbezug haben und uns einen Mehrwert im Jetzt geben.

Das Essen von gestern für die Entschleunigung von heute

Ich möchte Sie in dieser Gastkolumne auf einen Trip durch die Menschheitsgeschichte mitnehmen, Ihnen zeigen, wie Menschen ihre Umwelt geprägt und verändert haben, wie sie Handels-Netzwerke aufgebaut haben, um sich zu ernähren. Was haben sie gegessen, wie haben sie ihr Essen zubereitet? Welche Bedeutung hatte es für sie? Und was bedeutet das für uns heute? In einem stressigen Alltag, in dem das Kochen leider oft zu kurz kommt, kann eine Rückbesinnung vielleicht lehrreich für uns sein.

Von einer Entfremdung hin zur Individualisierung der Produkte

Oft fühlen wir uns entfremdet von den Produkten, die wir so verkochen. Die Angebote im Supermarkt kommen von anonymen Anbietern und sind auch irgendwie alle austauschbar. Denn sie stehen zu billigen Preisen jederzeit zur Verfügung. Begreifen wir unser Umfeld jedoch als lebendige Region, wie es unsre Vorfahren taten, so können wir lernen, wieder mit den Jahreszeiten zu leben und das zu schätzen, was die Region hergibt. Vielleicht können wir dann das »Weniger« im Angebot sogar als Mehrwert erleben, weil wir die Arbeit, die hinter den Produkten steckt, mehr schätzen. Weil wir uns auf saisonale Produkte (Spargel, Erdbeeren) freuen und sie genießen, wenn sie da sind.  Das mag jetzt zwar etwas moralisch klingen, aber der Blick auf die Vergangenheit kann helfen, unsere heutige Einkaufsmoral zu überdenken, ebenso die Einstellung zum Essen und den Stellenwert, dem wir ihm beimessen.

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Essen prägt die Kultur – nicht umgekehrt

Essen ist eine unverzichtbare menschliche Aktivität, die nicht nur der Arterhaltung dient. Sie ist auch immer Ausdruck von Kultur. Essen und Nahrungsproduktion waren und sind stets wichtige Katalysatoren für die gesamte Menschheitsgeschichte, von der Urzeit bis zur Gegenwart.  Brillat-Savarin hat es folgendermaßen auf den Punkt gebracht: »Gastronomie regiert das ganze Leben des Menschen.«

Essen als Wiege der Zivilisation?

Die Grundsteine für die menschliche Zivilisation wurden im Neolithikum durch die Einführung von Viehzucht und Ackerbau gelegt. Es waren eben diese Tätigkeiten, die den Menschen auch dazu brachten, sesshaft zu werden. All das tat der Mensch, weil er auf der Suche nach Nahrung war. Weil er besseres Essen suchte und einen leichteren Zugang dazu. Und so wurden die Grundlagen unserer Zivilisation durch die Einführung von Ackerbau und Viehzucht sozusagen aus kulinarischen Gründen gelegt.

Essen als großer Antreiber der Geschichte?

Zu jeder Zeit ist die Geschichte eng mit dem Bedürfnis nach Nahrung, ihrer Herstellung  und der Kultur des Essens verbunden. Die Wahl der erlaubten Lebensmittel (und ebenso ihr Verbot) ist ein integraler Bestandteil der religiösen Identität in den großen Religionen.  Die Suche nach Gewürzen und exotischen Lebensmitteln führte zur Entdeckung der Neuen Welt durch die Europäer sowie zu einem umfassenden Handelsnetzwerk, welches die Kontinente überwand und die Erdteile verband.

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Im Irland der 1840er Jahre veränderte zum Beispiel ein Lebensmittel – die Kartoffel –  den Verlauf der Geschichte. Ihr Anbau wurde durch eine Pflanzenkrankheit fast unmöglich gemacht. Die Kartoffelpest war das erste traurige Anzeichen, was Monokulturen anrichten können. Was passieren kann, wenn der Mensch tief in natürliche Prozesse eingreift.  Fortschritte in der Lebensmitteltechnologie ermöglichten die moderne Kriegsführung, von Napoleons Eroberungen zum Zweiten Weltkrieg. Inzwischen kennen mehr Menschen die McDonalds »goldenen Bögen« als das christliche Kreuz.

Essen als Ausdruck von Kultur

Neben der puren Nahrungsaufnahme drücken wir mit unseren Ernährungsgewohnheiten bestimmte Ideologien, soziale Unterschiede, Werte, Anliegen und Bestrebungen aus.

Aus all diesen Gründen ist die Betrachtung von Esskultur im Verlauf der Geschichte sehr interessant. Denn so wird ein neues Licht auf die Entwicklung und Veränderung von sozialen und politischen Systemen geworfen, auf die kulturelle Interaktion verschiedener Imperien, auf Völkerwanderungen und vieles mehr. Und wir selber nehmen unser Essen ebenfalls anders wahr.

Durch die Betrachtung der Esskultur sehen wir, wie ein »einfaches« biologisches Bedürfnis das Menschenleben durch die Jahrhunderte grundlegend prägt. Die Geschichte der Nahrung ist die Geschichte des menschlichen Lebens in seiner elementarsten, intimsten und wesentlichsten Form. Es ist auch eine Geschichte von Einfallsreichtum, Kreativität und bemerkenswerten Verhaltens.

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Eine spannende Reise

Ich nehme Sie zukünftig mit auf eine spannende Reise in die menschliche Beziehung zum Essen – wenn Sie mögen! Reisen Sie mit mir durch Zeit und Raum, entdecken Sie mit mir faszinierende Esstraditionen und -kulturen in vielen Regionen und Epochen. Ein Blick auf die vergangene Esskultur wird ihre Sicht auf das, was wir heute essen, verändern.

Sehen wir uns zusammen historische Rezepte oder Koch-Techniken aus der ganzen Welt an. Aktivitäten, die Sie anschließend gerne zu Hause ausprobieren können. Bei manchen Zubereitungen verspreche ich ihnen: So haben sie ihre Küche bestimmt noch nicht genutzt! Das ist experimentelle Archäologie der besonderen Art! Und das Ergebnis kann man dann sogar essen.

Gerne führe ich sie von der Küche des alten Ägyptens über die Blüte der europäischen Küche im Mittelalter bis zur Zeit der Seefahrer.

Auf diesem Weg lernen Sie die Nahrungsmittelproduktion und -Technologie in verschiedenen Epochen kennen und die sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren der Esskultur.

Klingt das alles interessant für Sie? Würden Sie sich über eine unregelmäßige Gastkolumne an dieser Stelle freuen? Wenn ja, freue ich mich sehr. Da ich selber noch keinen wirklichen Plan habe, wie ich vorgehen werde, haben Sie die Möglichkeit, die Kolumne mitzugestalten! Was interessiert Sie am Thema Geschichte des Essens? Ich bin offen für alles!

Nils Stadje

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3 Comments so far. Feel free to join this conversation.

  1. Petra Patsiaouras 2. Januar 2015 at 23:39 - Reply

    Ein sehr spannendes Thema, mich würde interessieren was hier in der Braunschweiger Gegend, also wirklich regional, angebaut wurde. Was kam auf den Tisch.

  2. Braunschweiger Löwe 2. Januar 2015 at 16:26 - Reply

    Das finde ich eine tolle Sache. Mich würde interessieren, wie man im Mittelalter gekocht hat.

    Toll wäre auch, wenn man etwas über den Einfluss der Römer auf die ollen Germanen erfahren würde. Ich meine kulinarisch.

  3. Marianne S 2. Januar 2015 at 16:17 - Reply

    Coole Sache! Freu mich schon von Dir zu lesen!
    Grüße aus Wien, m

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