Brackstedter Mühle: wenn Gastgeber Gäste werden

12. November 2015 von

In der Brackstedter Mühle konnten wir erleben, wenn Gastrononomen, also berufsmäßige Gastgeber, Gäste werden.

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»Lehrers Kinder, Pfarrers Vieh, gelingen selten oder nie.« Das geht mir auf dem Weg in die Brackstedter Mühle durch den Kopf. Es ist einer dieser herrlichen Herbsttage, in denen man noch einmal Kraft tanken kann, bevor Nässe und Kälte durch alle Ritzen kriechen. Ein ganz besonderer Kulinarisch38-Abend steht an. Wir treffen uns zum Abendessen. Zwei Ehepaare etwa gleichen Alters. Christiane und Elmar Schuster, also zwei Gastronomen und ein Schreiber auf kulinarischen Pfaden mit seiner Frau, die endlich nicht nur lesen möchte, was die »bessere Hälfte« da an Gaumenfreuden in der Region auftut. Die Szenerie könnte für ein Filmdrehbuch taugen. Woody Allan würde mit einem Augenzwinkern auf die Situation blicken. Wenn Gastronomen bei sich selbst essen gehen. Wie mag das aussehen? Die Brackstedter Mühle ist das, was man einen Familienbetrieb nennt. »Ich habe extra einen Tag ausgesucht, wo nicht so viel los ist«, erzählt Christiane Schuster zur Begrüßung. Schließlich wollten sie es sich nicht gut gehen lassen, während der Betrieb rotiert.

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Schwatzen, schlemmen und die Zeit vergessen

Los ist trotzdem so einiges in den verwinkelten Gaststuben des Hotels und Restaurants, in denen man es sich gemütlich machen kann. Wir sitzen etwas abgelegen. Der Tisch ist edel eingedeckt. Man kommt sofort wie zu Hause an. Hotelgäste schlendern vorbei. Ein freundliches Wort. Der Tag. Das Wetter. Und unser Vierertisch. Lehrers Kinder, glaubt man dem Volksmund, sind nicht die besten Erzieher in eigener Sache. Wenigstens für diesen Fall zeigt sich: Gastronomen sind dagegen nicht nur gute Gastgeber, sondern, wie sich schnell zeigt, auch gute Gäste. Man muss sich manchmal nicht lange kennen, um einen Draht zu haben. Ähnliche Erlebnisse, ein gemeinsames Buch. Und schon fließt ein Gespräch, kommen Erinnerungen hoch. Man vergisst die Zeit. Das eigene Servicepersonal ist zurückhaltend und präsent zugleich. Natürlich herrscht ein vertrauterer Ton, als das normal der Fall ist. Aber trotzdem regiert Professionalität. In der Brackstedter Mühle passt die Stimmung zum Essen.

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Bekanntes neu genießen

Das ist so, wie sich das schon bei der ersten Probe abzeichnete: Das Essen ist gutbürgerlich und überrascht dennoch. Mit dem Begriff gutbürgerlich ist es so eine Sache. Er ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Das ist Schade. Denn das Bürgertum in Deutschland und Europa pflegte vor 100 Jahren einen Lebensstil in den Städten, von dem wir nur träumen können. Es war weltläufig und witzig. Das alles hatte Format. So wie die Menüfolge an unserem Abend. Da gibt es zunächst nach einem Gruß aus der Küche – ein leichtes Roastbeef mit etwas Feldsalat – Variationen von der Ente. Zart schmelzend die Mousse. Kross die Ententeile und überraschend die Interpretation als Frühlingsrolle. Auf jeden Fall alles harmonisch und lecker. Dann kommt, während wir neu angekommenen Rotwein verkosten, ein echtes Herbstgericht. Wild ist sowieso eine Klasse für sich. Und dieses Rehrückenfilet im Speziellen mit Cranberrys, Steinpilzen, Rosenkohl und Dauphinkartoffeln – so eine Art Kartoffelkrapfen – ist eine würdige Eröffnung der Wildsaison.

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Geschmackliche Idealform

Ehrlich und rein, wie Wild schmeckt, mit dieser fein herben Note. Dazu ein Sößchen, bei dem man am liebsten gleich mit dem Zeigefinger die Reste auftitschen möchte. Der Rosenkohl klein und zart. Der Kinderschreck ist mit seiner markanten Note genau der richtige Begleiter zum Reh sowie die Steinpilze, die für mich neben den Pfifferlingen die absoluten Favoriten sind. Auf den anderen Tellern tummeln sich Lamm und ein Wildererspieß – Letzterer mit Medaillons vom Hirsch, Wildschwein, Reh und Hase. Als Ehemann zum Wildererspieß-Teller darf ich kosten und weiß deshalb, was ich das nächste Mal nehme. Die Rosmarin-Crème-brûlée mit ihrem cremig-krossen Zauber aus Vanille und Sahne verträgt sich bestens mit einem Pflaumenkompott, das schon einen Hauch auf Weihnachten preisgibt. Was wäre ein Essen ohne Espresso zum Schluss und ein Gebrannter? Auch hier gibt es in der Brackstedter Mühle eine große Auswahl. Zum Beispiel den Obstler aus meiner Lieblingsbrennerei Lantenhammer. Da hat man das Obst in geschmackliche Idealform destilliert, wie ein großer Poet das im Gedicht schafft. Die Zeit verrauscht wie im Flug, wenn man glücklich ist. Und wo könnte man glücklicher sein als mit netten Menschen und einem herrlichen Essen.

 

 

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