Denver Künzer braut Bier

Nun haben wir in Wolfenbüttel eine neue Braustätte. In Denvers Teehaus ist eine Küche umfunktioniert worden, damit dort zukünftig ein neues Wolfenbütteler Bier gebraut wird.

Hier wird noch mit der Hand gerührt…

Mein erster Impuls. Oh, nein. Nicht noch einer, der in Wolfenbüttel Bier braut. Jahre, ja jahrzehntelang war die Lessingstadt Brachland für Freunde des regionalen Biers. Und nun geht es Schlag auf Schlag. Stebi, der mit seiner Brauerei und Braubar inzwischen auf ein erstes Wolfenbütteler Braufest zusteuert. Die Mad Dukes, die sich noch in der komplizierten Genehmigungsphase befinden und nun Denver. Wir hatten schon so lange vor uns zu treffen, dass ich die Bedenken hinten anstelle und mich gespannt auf den Weg mache. Gerade hatte ich noch in meinem alten Wolfenbütteler Heimatviertel die Sylter Eisdiele für mich entdeckt. Nun also Denvers Haus am Ortsausgang Wolfenbüttel auf der Frankfurter Straße. Gegenüber »Feinkost Aldi«. Und wer dort billig eingekauft hat, der sollte drüben gucken, wie richtig guter Tee schmeckt. Und bald natürlich auch Bier. Während wir miteinander plaudern und Denver zwischendurch in einem überdimensionierten, von außen isolierten Kochtopf rührt, probiere ich den Gerstensaft von seiner Hand – buchstäblich – und beginne zu begreifen. »Noch einer« passt wenig. Nicht nur wegen des exzellenten Bieres, das da gerade an diesem sonnigen Samstag duftend entsteht. Denver ist schon seit dem Jahr 2012 mit dem Thema Bier beschäftigt, da fragt man sich eher: Warum erst jetzt?

Denver Kürzer bastelt selbst an seiner Ausrüstung fleißig herum…

Vom Tee zum Bier

Eher warum überhaupt? Denn Langeweile dürfte der freundlich und ruhig wirkende Bartträger nicht haben. Er hat einen guten Job bei der Bank, eine Familie mit Kindern. Und jeder Familienvater und jede Mutter weiß: Das allein reicht eigentlich schon. Für Denver nicht. Es war 2005, als er sich entschied, sich neben Zahlen und Kontodaten auch noch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Und zwar mit Tee. Und darauf muss man erst mal kommen. Im Zeitalter des grassierenden Internetverkaufs setzte er zunächst einmal nicht auf die virtuelle Welt, sondern richtete sich in seiner Wohnung zusammen mit seiner Frau ein Zimmerchen ein, in dem er duftende Tees feilbot. Mit Flyern bekannt gemacht, lief das gar nicht schlecht. Aber auch das genügte nicht. Aus einem anderen Hobby, dem Fotografieren, entstand über die Jahre ein kleines Atelier, in dem sich Denver um Hochzeitsfotos, Porträts und andere Motive kümmert. Und nun also auch noch das Bier, frage ich. Während er gerade die heiße Maische vom Topf in einen Eimer zum Läutern umgießt, überlegt er einen Augenblick und verrät dann sein Geheimnis.

Das Protokoll wird genau geführt.

Ordnung und Fleiß

Als Historiker würde ich sagen, Denver Künzer ist so etwas wie ein Preuße. Alle guten Eigenschaften vereinigt er in seiner Person: Fleiß, Ordnung, Verlässlichkeit. Und auf die negativen Eigenschaften hat er verzichtet. Er ist locker und humorvoll. »Mein Tag ist einfach gut durchstrukturiert. Und wenn man sich an diese Struktur hält, dann ist das alles kein Problem«, lacht er. Das Etikett Preuße beschäftigt ihn einen Augenblick. Er denkt an seinen Opa und stellt dann fest: »Gar kein schlechter Gedanke.« Das Fenster steht sperrangelweit offen. Der Sommer sucht sich seinen Weg in die kleine Teeküche, die nun also seit Kurzem auch zur Braustätte geworden ist. »Meine Überlegung war, dass ich ein wirklich handgemachtes Bier für mein Viertel hier machen möchte«, erzählt er. Handgemacht heißt, dass der Neu-Brauer auf Hilfsmittel wie etwa den voll automatisierten »Braumeister« – eine Art Thermomix für Mikrobrauer – , der die Produktionsschritte steuert, verzichtet.

Das sieht doch schon ein bisschen nach Bier aus.

Verträglicher Gerstensaft

Der Impuls zum Brauen kam aus dem eigenen Erleben. »Ich habe schon von einem halben Liter Bier oft Kopfschmerzen bekommen und habe mich deshalb mit der Herstellung von Bier beschäftigt«, erinnert er sich an das Jahr 2012. Zur Klärung des Bieres werden in den industriell betriebenen Brauereien Stoffe eingesetzt, über deren Gesundheitsverträglichkeit sich die Gelehrten streiten. Und: Meist wird Hopfenextrakt verwendet. Zur Freisetzung des Aromas bedarf es hierbei wiederum der Chemie. Und von der wollte Denver nichts in seinem Bier haben. Die Mittel für die abschließende Reinigung sind Chemie genug, denkt er. Also vertiefte er sich in die Kunst des Brauens und stellte Sud um Sud her. Nach seinem ersten Versuch, einem Kölsch, das nicht so gut gelang, wurde es immer besser. Geschmacklich gut und ganz ohne Kopfschmerzen. Das Brauen blieb Hobby, bis Andreas Stebner, bei dem Denver schon Brauseminare gab, kam und ihn dazu ermutigte, den Schritt zu wagen. »Ich schrieb also die entsprechenden Ämter an und wir besprachen hier, was zu tun wäre«, erinnert er sich.

Und das erst recht… Vor allem duftet es jetzt schon.

Der Start für Denvers Bier

Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei richtig unkompliziert gewesen: »Ich wusste dann, was ich zu tun habe. Und das habe ich Stück für Stück erfüllt.« Und nun hat er also die Lizenz zum Brauen, Ausschenken und Verkaufen. In Zukunft sollen vor dem »Denverhaus« noch Tische und Stühle aufgestellt werden, damit sich die durstigen Kehlen dort gleich eines seiner Biere genehmigen können. Ein süffiges Landbier etwa, oder Weißbier. Vielleicht auch ein IPA. Damit die Versorgung demnächst gesichert ist, hat Denver aufgerüstet. Es kommt bald ein 75 Liter Topf mit einem integrierten Rührwerk. Der Rest bleibt aber Handarbeit, versichert er. Wie das Ganze wird, darauf ist er selbst gespannt. Wie das Bier angenommen wird? Ob er genug hat? Oder zu viel? Zu viel Biersorten kann es in jedenfalls in einer Stadt wie Wolfenbüttel kaum geben. Vielfalt erfreut. Und wenn man dann in Zukunft je nach Laune wechseln kann, dann trägt das absolut zur Attraktivität der Region bei. Die hängt vom Engagement von Menschen wie Denver Künzer ab. Woher die ihre Motivation nehmen ist meine Abschlussfrage: »Ich liebe es, etwas selbst herzustellen und mich dann daran zu erfreuen. Oder zu sehen, wie sich andere daran erfreuen.« Den »Gefallen« tue ich ihm gern.

So sitze ich gerade bei einem Gläschen Stout-Bier, das eigentlich noch etwas hätte lagern sollen. Ich hatte es als Probeflasche mitbekommen. Aber bis Anfang August wollte ich nicht warten. Und die heimische Verkostung bestätigte mich in meiner Ungeduld…

Und natürlich muss auch probiert werden.