Dinkel, Entspelzer und die Globalisierung

Posted on Sep 22 2016 - 4:48am by Andreas Molau

Globalisierung und die Konzentration von Firmen – es kann einem Angst und bange werden. Da machen regionale Projekte wie die von Carsten Richters Altstadtbäckerei und dem Rittergut Dorstadt Mut.

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Die düsteren Prognosen vom Schriftsteller William Gibson. Die kommen mir an diesem Tag immer wieder in den Sinn. Erst die Meldung in den Nachrichten, dass Bayer das Ungetüm Monsanto geschluckt hat. Kaum vorstellbar, was das bedeuten würde, wenn die Kartellämter keinen Riegel vor das Geschäft schieben würden. Wie wird es auf den Äckern dieser Welt zukünftig aussehen? Und wer ist dafür verantwortlich? Die Politik? Die Wirtschaft? Oder der Konsument? Der eine, weil er nichts regelt. Der zweite, weil er nur verdienen und der Dritte, weil er vor allem sparen will? Ich bin mit Carsten Richter, dem Altstadtbäcker verabredet. Es geht um die Getreideversorgung seiner Bäckerei. Wir fahren nach Dorstadt auf eines der drei Rittergüter – Kissenbrück und Halchter sind die anderen –, die im Verbund arbeiten. Bei William Gibson wurde in den 80er-Jahren eine Gesellschaft geschildert, in der man entweder nur im kriminellen Milieu überleben kann oder im Dienst weniger Großkonzerne steht. Am Ende läuft beides auf das Gleiche raus. Was tut man heute, wenn man nicht am Tropf der Agrarindustrie hängen möchte?

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Dinkel und Emmer aus der Region

Carsten Richter ist einer, der nicht nur redet, sondern tut. Seit geraumer Zeit backt er auch mit Dinkel und Emmer, der Urgetreidesorte. Immer stärker werden die Vorzüge dieser Ursorten erkannt, die auf dem global agierenden Markt aber zunehmend schwieriger zu bekommen sind. Carsten Richter möchte jedoch ganz bewusst mit diesen robusten Sorten in der Region arbeiten. Um welche Mengen geht es da? Wenn man so seinen häuslichen Mehlverbrauch vor Augen hat, fehlen ein bisschen die Bezugsgrößen. 60 Tonnen Dinkel jährlich verbraucht die Bäckerei Richters. Drei Tonnen Emmer. Und Gesamtgetreidemenge, frage ich? Da sind es 730 Tonnen. Unvorstellbar. »Unvorstellbar?«, lacht Carsten Richter, »das verbraucht eine bekannte Industriebäckerei in einem ihrer Werke Niedersachsen allein für Toastbrot in drei Tagen«. In Dorstadt wollen wir uns eine Entspelzungsmaschine anschauen, die dort seit einigen Tagen ihren Dienst tut. Helge Büssemaker vom Rittergut führt uns in eine Scheune, wo ebenso geduldig wie laut eine Maschine arbeitet. Eine große Trommel rüttelt und trennt die Spelzen vom Korn. Vorher ist es durch einen verborgenen Mechanismus gelaufen und rieselt am Ende fein auf ein Förderband.

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Die Entdeckung der Langsamkeit

Carsten Richter und Helge Büssemaker halten die Hand unter die Öffnung und der Dinkel füllt sie langsam. Das sei der Nachteil der alten Sorten, erklärt der Landwirt. Beim modernen Getreide seien die Spelzen weggezüchtet worden. Hier müssen sie mühsam vom Korn getrennt werden. 200 bis 300 Kilogramm schafft die Maschine. Das ist die Entdeckung der Langsamkeit. Die Familie von Löbbecke, die das Gut bewirtschaftet, unterstützt solche Initiativen. Ursprüngliche Sorten, regionale Verteilung. Bis hin zum Mahlvorgang in einer kleinen Mühle in Langelsheim am Harz entsteht hier in der Region ein Netzwerk von regionalen Anbietern. Und Carsten Richter arbeitet daran, dieses Netzwerk weiter auszubauen. Es geht nicht um Ideologie, nicht um Bio allein, sondern um praktische Bedürfnisse nach einem durchschaubaren Produktionsprozess und ein verantwortungsvolles Wirtschaften miteinander.

Offener Dialog

»Wenn man so arbeitet, muss man ganz offen über diesen Prozess sprechen«, erklärt Carsten Richter. Was soll gespritzt werden? Welche Probleme im Ertrag bringen die alten Sorten mit sich? Der Emmer ist im Wuchs höher als moderne Sorten. Und wenn man ihn nicht künstlich mit Pflanzenschutzmitteln klein hält, dann kann er schon mal vor der Ernte abknicken. Auf solche Pflanzenschutzmittel verzichtet man in Dorstadt. Dadurch kann es Ausfälle geben, das Endprodukt teurer werden. All diese Fragen stehen im Raum. Als Teil einer großen Diskussion. Im Radio laufen wieder die Szenarien der Agrarkonzerne. So etwas wie die Kooperation zwischen dem Altstadtbäcker Richter und dem Rittergut, das ist ein konkreter Gegenentwurf zu den besorgniserregenden Entwicklungen. Sicher keiner, der die Welt ändert. Aber wenn alle mitziehen, wenn der Verbraucher das unterstützt, ein Modell das Inseln schafft. Und viele vernetzte Inseln können auch eine Fläche werden. Welche Prognosen sind also am Ende erfüllen, liegt wohl an uns selbst.

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