Edel, lecker, fein ist der Schierker Feuerstein

Posted on Aug 30 2014 - 9:26am by Andreas Molau

Die Kulinarisch38-Expedition führte uns in den Harz, nach Schierke. Dort wurde vor über hundert Jahren von Willy Drube der Schierker Feuerstein erfunden.

Hier fing alles mit dem Schierker Feuerstein an. Das Bild zeigt: In Schierke scheint auch die Sonne.

Hier fing alles mit dem Schierker Feuerstein an. Das Bild zeigt: In Schierke scheint auch die Sonne.

Die Bilder würden für die ersten Sequenzen in einem Film taugen. Der Harz steckt in Nebel und Wolken. Feiner Nieselregen durchzieht die Luft. Wenn man sich gemütlich über die kurvigen Straßen von Wernigerode aus in die Harzer Höhenluft windet, glaubt man kaum, dass da noch so etwas kommt. Das Ortseingangsschild von Schierke grüßt verhalten, dann ragt nach ein paar Kurven die trutzige Bergkirche auf. Der Granit schimmert im Dunst. Das Rathaus in der Mitte des Ortes berichtet von Bürgerstolz. Schräg gegenüber begann vor 90 Jahren eine Geschichte. Filmreif. Walter Möller erzählt sie. Routiniert, aber trotzdem mit Begeisterung. Es ist auch seine Geschichte. Die Geschichte seiner Familie. Möller ist Geschäftsführer von Schierker Feuerstein. Der gelernte Destillateur ist verheiratet mit der Urenkelin jenes Mannes, mit dem in der Wirtschaftskrise der 20er Jahre die Sache anfing. Das heißt, richtig angefangen hat alles noch in tiefster Friedenszeit. 1908.

Schierke um 1900.

Schierke um 1900.

Das St. Moritz des Nordens

Walter Möller schenkt eine Tasse Kaffee ein und spricht über Willy Drube und ferne Tage. Fern und trotzdem nah. Das, was der Apotheker seinerzeit im Labor zusammen mixte, ist heute gleichbedeutend mit dem Ort und gleichsam ein Markenzeichen für den ganzen Harz. Der Kräuter-Halb-Bitter ist für den Oberharzer Bergort das, was Tempo für die Papiertaschentücher ist. Denn man bestellt eben im und rund um den Harz einen Schierker und keinen Schierker Feuerstein. Ursprünglich sei er nur für die Kurgäste da gewesen, berichtet Möller. Damals sei der Ort so etwas wie ein St. Moritz des Nordens gewesen. Betuchte Gäste gingen ein und aus. Und früher wie jetzt langte man bei Tisch gern zu. Die frische Luft macht hungrig. Der Magen hat da gelegentlich Probleme. Ein wohltuender Kräuterschnaps war gefragt. Der sollte schmecken und wirken.

Globale Urgroßväter

Willy Drube

Willy Drube

Auch ganz ohne Internet dachten unsere Urgroßväter schon global. Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der Erschließung der Welt. Abenteurer, Missionare oder beides tummelten sich in allen Breitengeraden herum und brachten ferne Gewürze und Kräuter in großem Stil mit nach Hause. Als Willy Drube in Braunschweig studierte, dürfte er mit den Drogen, also Pflanzenteilen, aller Kontinente in Berührung gekommen sein. Wie viele Kräuter er für die Mixtur zusammenstellte und erst recht welche, das verrät Walter Möller nicht. Er kennt das Rezept des Schöpfers von Schierker Feuerstein. »Die Kräuterzusammensetzung ist ein Geheimnis, das in der Familie bleibt. Ich mische hier im Schierker Stammhaus die Bestandteile zusammen, und die werden dann zur Produktion nach Bad Lauterberg verbracht«, erklärt der Hüter des guten Geschmacks.

Der Zahn der Zeit

Die Apotheke, die heute zu einem kleinen Fanshop ausgebaut wurde, in dem man alles rund um das beliebte Getränk bekommt, wird von dem feinen Duft der Kräuter durchzogen. Wer das Allerheiligste, den Kellerraum betritt, schließt am besten die Augen, um die vielfältigen Aromen zu genießen. Dass der Schierker Feuerstein nicht mehr im Stammhaus produziert wird, hat viele Gründe. Die Geschichte ist so ein bisschen wie die Oberharzer Wetterwelt. Kälte, Wind und Feuchtigkeit nagen an den Häusern der Harzer. Die müssen über die Generationen einige Mühe und Fleiß investieren, damit sie dem Zahn der Zeit widerstehen. Der humor- und gemütvolle Willy Drube war von diesem Schlag und auch die nachfolgenden Generationen legen großen Wert darauf, dass das Gebäude eine Augenweide bleibt. Wenn Walter Möller durch die Räumlichkeiten führt, vom Hund des Apothekers erzählt, seine Verse in Wilhelm-Busch-Manier zitiert oder von seiner Freundschaft mit dem Komponisten Paul Lincke spricht, spürt man: Tradition und Leistung der Gründergeneration sind präsent. Und man ist stolz darauf. Stolz, dass der Schierker Feuerstein trotz aller Widrigkeiten noch ausgeschenkt werden kann.

Der DDR-Schierker mit Kriegsrezept.

Der DDR-Schierker mit Kriegsrezept.

Zwei Schierker

Denn diese Widrigkeiten gab es seit 1908. Da ist der Erste Weltkrieg, die Depression danach, als die Menschen in Deutschland hungerten und keine Arbeit fanden. Dann kamen die erste Diktatur und der Zweite Weltkrieg. In den 40er Jahren musste Willy Drube eine Kriegsrezeptur erfinden und exotische Kräuter durch hiesige ersetzen. Als der Krieg zu Ende war, ging es mit einer anderen Diktatur im Osten weiter. Schierke lag an der Grenze eines kalten Krieges, der Verwandte auseinanderriss und tiefe Wunden schlug. Das Gebiet rund um den Brocken wurde militärisches Sperrgebiet. Willy Drube, der nun schon so einiges erlebt hatte, riet seiner Familie, in den Westen zu gehen. Der eine Teil der Familie ging schweren Herzens – mit dem Originalrezept des Firmengründers. Eine Tochter blieb – mit dem Kriegsrezept, das in der DDR verwendet wurde.

Schierker-Vereinigung

Britta und Walter Möller führen die Tradition auch im 21. Jahrhundert weiter.

Britta und Walter Möller führen die Tradition auch im 21. Jahrhundert weiter.

So gab es zwei Schierker Feuerstein. Bis dann das Schicksal ein Einsehen hatte und die Menschen nach 1989 wieder zusammenführte. Der Schwiegervater von Walter Möller schaffte es, das Stammhaus erneut in den Familienbetrieb einzugliedern. Die inzwischen ausgebaute Produktionsstätte in Bad Lauterberg war aber einfach besser zu nutzen. »Ein Betrieb in der Größenordnung. Da ist der Standort Schierke wirklich schwierig«, erklärt Möller. Allein der Transport der Tankwagen mit dem Alkohol sei ein logistisches Wagnis. Das Stammhaus spielt trotzdem eine herausragende Rolle. Die Kräuteraufbereitung erfolgt heute noch immer dort. In der alten Apotheke finden Besichtigungen statt und man kann sich, wie gesagt, im Verkaufsbüro mit Produkten rund um den Schierker eindecken. Der regionale Bezug sei für den Betrieb lebenswichtig, so Möller. Das heiße auch, der Verantwortung gegenüber den Menschen gerecht zu werden. Alle Arbeitsplätze blieben erhalten. Mit einem eigenen Firmenwagen wurden die Beschäftigten fortan in den Westharz zur Arbeit gebracht.

Tradition und Fortschritt

Und so steht Schierker Feuerstein heute im hart umkämpften Spirituosenmarkt als Marke, die Tradition und Fortschritt verbindet. Zusammen mit seiner Frau führt Walter Möller den Betrieb. Er würde sich freuen, wenn die Tradition weiter geführt werden könnte. Das sieht ganz gut aus. Aber der Familienvater weiß: So eine Aufgabe kann man nicht verordnen. Da muss man hereinwachsen, das muss man wollen. Dass es durchaus spannend ist, sich nur mit einem Produkt zu beschäftigen, davon kann man sich überzeugen, wenn Walter Möller über seine Aufgabengebiete berichtet. In diesem Jahr ist Schierker Feuerstein kulinarischer Botschafter des Landes Niedersachsens. Außerdem sind in der Zusammenarbeit mit Gastronomie, Fleischern und Konditoren aus der Region sind Kreationen mit Schierker Feuerstein entstanden, die zeigen, welche Vielfalt der Kräuter-Halb-Bitter hat.

Schierker Botschafter aus Überzeugung

Zum Abschied drückt mir der sympathische Macher einen Beutel mit Schierker-Spezialitäten in die Hand. Nicht ohne die Mahnung, dass er in Maßen genossen werden solle. Aber das gilt ja bekanntlich für alles im Leben. Gelegenheiten zu bewusstem Genuss fänden sich immer. Ob zum, beim oder nach dem Essen. Gern sähe er es nach solchen Führungen, wenn aus den Schierker-Freunden echte Botschafter werden würden. Das bin ich aus Überzeugung gern. Auf dem Weg nach Wernigerode brechen die Wolken hier und da auf. In der Ferne gibt die historische Dampflokomotive, die sich täglich auf den Brocken müht, Signal. Eine großartige Sache, was aus einer Idee werden kann. Geboren in der Stille der Oberharzer Bergwelt und lebendig auch im 21. Jahrhundert. Ein Prosit auf Willy Drube und seine Familie. Natürlich mit einem Schierker.

Der Überschriftenreim ist eine Reminiszenz an Willy Drube, der gern, ausgiebig und mit Humor dichtete. Auf seinem Grabstein steht ein augenzwinkerndes Gedicht. Man sollte also auf jeden Fall mit einer kleinen Flasche Schierker auf den Friedhof pilgern.

An diesem Grabstein muss man schon fast auf das Wohl von Willy Drube trinken ;-)

An diesem Grabstein muss man schon fast auf das Wohl von Willy Drube trinken 😉

In dieser Erdengrube
ruht Apotheker Drube.
Oh‘ Wanderer eile fort von hier,
sonst kommt er ‘raus und trinkt mit Dir!

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