Friedrich Glauser: Krimi und Kulinarischschnäppchen

Posted on Okt 25 2014 - 4:15am by Andreas Molau

Bei Bücher Behr in Wolfenbüttel gibt’s derzeit im Ausverkauf grandiose Krimikost von Friedrich Glauser mit einem Schweizer Menüvorschlag. Ein Thema für Kulinarisch38.

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Ich bin wirklich ganz und gar das Gegenteil von Schnäppchenjäger. Aber wenn das Schnäppchen so auf der Straße liegt – im wahrsten Sinne des Wortes –, dann muss man zugreifen. Dabei sah der Bücherstand auf dem Kornmarkt im raschen Vorübergehen eigentlich so aus, dass Gucken nicht zu lohnen schien. Bei Bücher Behr gab es Rätselbüchlein und auch ein dunkelgraues Buch mit weinrotem Buchrücken. 4,95 € ist grell-rot darauf geklebt. Normalerweise werden so billige Klassikerausgaben angepriesen, die den vermeintlichen Bildungsstatus im Bücherregal dokumentieren sollen. Einfacher Pappeinband mit vorgegaukeltem Goldschnitt. Goethe oder Heine zur Deko. Ich bin fast schon vorbei, da bleibt der Name Glauser hängen.

Die Fieberkurve

Als glühender Simenon-Verehrer ist der Schweizer längst mehr als Ersatzdroge für mich. Sein trutziger Kommissar Glauser löst nicht nur Fälle. Die Fälle lösen ihn. Oder Fall und er bilden das Psychogramm von verstrickten Konflikten, menschlichen Abgründen. »Die Fieberkurve«. Mit Illustrationen. Der Gerstenberg-Verlag ist keine Billig-Klitsche. Und das Buch bestätigt das. Der Buchrücken Leinen. Der Innenteil nobel gesetzt, schönes Papier mit feinen Strichzeichnungen. Wie das manchmal so ist. Keine Ahnung, ob ich das schon gelesen habe. Aber egal. Bei Kulinarisch38 kann man’s anpreisen – denn am Ende ist ein Menü angekündigt. Und für Weihnachten ist, wenn es vorhanden ist, damit bereits ein Geschenk in der Hinterhand.

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Das Leben als Odyssee

Das ist ein Leben: Von der Schule geflogen. Das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Abgebrochenes Chemiestudium. Anhänger der Dada-Bewegung. 1918 wurde Glauser entmündigt. Der Grund: »Liederlicher und ausschweifender Lebenswandel.« Das war die Formulierung für Sex and Drugs. Statt Rock‘ n Roll schrieb er verzweifelte Gedichte. Wer in dieser Zeit so aus der Spur fällt, landet in der Anstalt. Glauser bricht aus, wird wieder eingefangen, versucht sich das Leben zu nehmen. Dann klappt der Ausbruch. Er geht zur Fremdenlegion. Er ist krank am Herzen – auch physisch –, wird ausgemustert und in die Heimat abgeschoben. Erneut psychiatrische Klinik. Dort endlich lernt er eine Frau kennen. Berthe, die Pflegerin, wird seine Frau. Mit ihr emigriert er.

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Zwei glückliche Sommer

Friedrich Glauser

Friedrich Glauser

Zwei glückliche Sommer in Frankreich und Italien folgen. Danach stirbt Friedrich Glauser. Das Ganze passiert in nur 42 Jahren. Unglaublich. Und da hält man einfach so ein Buch in der Hand, das im letzten Jahre des Klinikaufenthaltes geschrieben wurde. Für 4,95 €. Wenn man das Ohr daran hält, erzählt es nichts von dieser Tragödie. Ein »humoristischer Kriminalroman« sollte es sogar sein. Humoristisch. Zu Hause stelle ich fest.  Das Buch steht natürlich schon im Bücherregal. Es ist Wachtmeister Studers zweiter Fall, der in Paris beginnt und über Basel und Bern nach Marokko führt. Kulturen prallen aufeinander. Die Mörderjagd wird bald zum Nebenkriegsschauplatz, denn die wahren Dramen spielen sich im Innern ab. Was in der Ausgabe leider nicht vermerkt ist, die Widmung. »Für Berthe« steht in meiner alten Ausgabe. Berthe, die ihn nur ein Jahr später aus dem Kerker befreite. Das sollte man selbst ergänzen.

Und ein schmackhaftes Menü

Bei aller Tragik des Lebens. Glauser war ein Sinnenmensch. Und Studer erst recht. Die schön illustrierten Rezepte des klassischen Schweizer Menüs hätten ihm sicher zugesagt, wenngleich das Land nicht so »seins« war. Die Rüeblisupe mit Safran vorweg. Das bekannte Zürcher Geschnetzelte mit Rösti und ein delikates Birnengratin zum Abschluss. Die Rezepte habe ich mir raus geschrieben und das Buch wartet auf einen würdigen Empfänger. Dass es sich um ein Schnäppchen handelt, sieht man ja nicht. Gute Geschenke definieren sich weniger über den Preis als durch den Wert. Gut, dass Behr sich Exemplare dieser bibliophilen Restauflage gesichert hat.

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