Freihandelsabkommen: Darf Tiroler Speck aus Amerika kommen?

Posted on Jan 10 2015 - 10:55am by Andreas Molau

Der Schutz von regionalen Marken im Freihandelsabkommen. Das ist ein Thema, das unser Kulinarisch38-Redakteur Andreas Molau in der Huffington Post aufgegriffen hat.

Frankfurter Kranz kann auch aus Wolfenbüttel kommen. Bild: Manuel Bendig  / pixelio.de

Frankfurter Kranz kann auch aus Wolfenbüttel kommen. Bild: Manuel Bendig / pixelio.de

„Die große Politik und Kulinarik. Manchmal treffen sich solche Sphären. Ist es normalerweise so, dass eine gute Mahlzeit die Menschen verbindet, stellt sich das bei den grundlegenden Weichenstellungen der Politik in der Regel anders dar. Da werden zuweilen harte Bandagen in der Diskussion angelegt.

Gegen harte Bandagen ist nichts einzuwenden, wenn es um die Sache geht. Beim Thema TTIP ist das selten der Fall. So auch zu Beginn des Jahres. TTIP heißt »Transatlantic Trade and Investment Partnership«. Und diese Maßnahme, zu deutsch Freihandelsabkommen mit den USA, spaltet die Gemüter. Gemeinsame Märkte bedeuten gemeinsame Regeln.

Wenn man jedoch unterschiedliche Vorstellungen von den Dingen hat, dann kracht es eben. Beim Thema Nahrungsmittelherstellung ist das so. Während die Verbraucher in Amerika von jeher einen Reinlichkeitstick haben – aus europäischer Sicht -, sieht man das in unseren Breiten etwas entspannter. Obwohl eine Annäherung in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.

Reinlichkeitstick aus Übersee

Eingeschweißtes Gemüse oder Obst unter Folie, das hätte man noch vor zwanzig Jahren auch in Deutschland komisch gefunden. Heute ist es üblich. Das Freihandelsabkommen bedeutet für den europäischen Markt nun: Amerikanische Produzenten müssen sich zukünftig nicht an die hiesigen Normen halten. Symbolhaft stand dafür bisher das Chlorhühnchen.

Geflügel ist bekanntermaßen nach der Schlachtung eine Brutstätte von Salmonellen. Und um das zu verhindern, werden die amerikanischen Chicken durch ein Desinfektionsbad gezogen. Das fanden viele Gourmets hierzulande nicht wirklich charmant und protestierten lautstark. Natürlich hätte kein Verbraucher nach Vollzug des Abkommens Chlorhühnchen essen müssen. Aber in unseren Breiten hat man es gern grundsätzlich und möchte nicht einmal die Möglichkeit zulassen, dass etwas geschieht, was man »nicht in Ordnung findet«.

Eine einfache Maßnahme wäre stattdessen eine informative Etikettierung und die freie Entscheidung des Konsumenten gewesen. Aber warum einfach, wenn es schwierig geht?

Konsequente Regionalität?

Allerdings, mit der Kennzeichnung ist es eben auch so eine Sache. Seit man Kalbsleberwurst kaufen kann, in der kaum Kalb enthalten ist, Erdbeerjoghurt mit Spurenelementen der Frucht, sind die Verbraucher zu recht empfindlich. Und da bot ein anderer Gegenstand des TTIP, nämlich der Schutz regionaler Spezialitäten, Anlass, dass nach der Chlorattacke auf deutsches Geflügel nun eine neue Front aufgezogen wurde.

Ammerländer Schinken oder Tiroler Speck sind geschützte Marken. Man darf sie nicht irgendwo herstellen. Das sollte sich nun ändern. Die Aufregung ist allerdings »nicht wirklich« zu verstehen. Denn die Regelungen in der EU in dieser Frage sind schon jetzt inkonsequent.

Die Grundstoffe zu den geschützten Marken müssen mithin durchaus nicht mehr in der Ursprungsregion produziert werden. Darauf wies auch der US-Handelsbeauftragte Michael Froman hin, der im gleichen Atemzug signalisierte, dass die USA auf die partielle Chlorallergie der EU-Bürger einzugehen bereit sei.

Entscheidend ist der Geschmack

Allerdings müsse man dann akzeptieren, dass Schwarzwälder Schinken zukünftig ebenso in Kentucky hergestellt werden dürfe. Der Aufschrei war natürlich groß. So was geht gar nicht. Es ist immer merkwürdig. Solange die Menschen von der Bürokratie selbst betroffen sind, stöhnen sie. Wenn es um die Verteidigung ideologischer Werte geht, rutscht die Diskussion ins Irrationale. Und nichts anderes als Bürokratie sind diese Namensreservate.

Warum soll man Gouda-Käse nicht in San Francisco herstellen? Hat je ein Konditor danach gefragt, ob er einen Frankfurter Kranz in Köln zubereiten darf? Die Sache wäre doch ganz leicht: Mit einer klaren Kennzeichnung kann der Verbraucher völlig selbstständig entscheiden, woher seine Spezialität stammen soll.

Einzig wichtiges Kriterium ist sowieso, dass sie schmeckt und vernünftig zubereitet wird. Vielleicht sollte man Verbraucherschützer, Wirtschaftsleute, Politiker und Verbraucher einfach mal an einen runden Tisch bringen, bei dem ausgiebig getafelt wird. Dabei könnten sich die Gemüter beruhigen. Und dann wird sich auch die Weisheit bestätigen, dass nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Das gilt sogar für so ein Angst machendes Politikum wie das Freihandelsabkommen.“

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