Meze in Istanbul – ein Buch zum Verlieben

Posted on Apr 16 2015 - 4:09am by Florian Molau

Kulinarisch38 schwelgt in Reiselust, nachdem wir »Meze in Istanbul« gelesen haben. Und weil wir leider nicht gleich hinkamen, wurde erst mal gekocht.

  • Meze in
  • Bild_1_web
  • Bild_2_web
  • Bild_3_web
  • Bild_4_web
  • Bild_5_web

Mit Büchern ist es wie mit Menschen. Sie können Lebensgefährten werden. Man bekommt zu ihnen eine Beziehung. Manchmal ist sie stürmisch. Manchmal entwickelt sie sich langsam und stetig. »Meze in Istanbul« ist ein Buch, das man sofort ins Herz schließen muss. Dass die türkische Küche mehr als Döner ist, dürfte sich längst rumgesprochen haben. Immer mehr Genießer haben sich sogar schon von der Güte türkischen Weins überzeugen lassen. Kurzum, »Meze in Istanbul« ist ein Muss für all diejenigen, die die türkische Küche für sich entdeckt haben und die offen für Neues sind. Obwohl die erste Assoziation bei dem Subjekt des Titels für den Unbedarften nicht gerade Vorspeise ist. Denn Meze bedeutet Vorspeise. Im Deutschen weist ein ähnlich klingendes Wort, wenigstens in altem Sprachgebrauch, auf ein despektierlich bezeichnetes Frauenzimmer hin. »Meze in Istanbul« verheißt dagegen im Untertitel kulinarische Spaziergänge und Originalrezepte.

Kulinarische Einflüsse von überallher

Und diese Ankündigung ist noch arg untertrieben. Denn das Buch des Autorenkollektivs Petra Casparek, Erika Casparek-Türkhan und Taneli Türkhan ist ein Reiseführer, es ermöglicht einen kulturhistorischen Blick in die Stadt, die neben Rom die vielleicht bedeutendste des Alten Kontinents ist. Es stellt ungewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Ideen vor und schließlich gibt es Rezepte an die Hand, um einen Teil der türkischen Küche zu entdecken. So wie das frühere Konstantinopel ein Brennspiegel der Kulturen war, so finden sich in den Rezepten natürlich Einflüsse von überallher. Das riesige Osmanische Reich und die regierenden Sultane, so lassen uns die Autoren wissen, hielten etwas auf gutes Essen. Und so kulminierten die Erfahrungen der verschiedenen Länder des Osmanischen Reichs in der Küche dieser Weltstadt zwischen den großen Kontinenten.

Die Brücke zwischen den Kulturen

Welche Chance, Asien und Europa aneinander zu führen läge darin, Istanbul als Teil Europas zu begreifen? Bürokraten wollen immer ein Entweder-oder. Das Leben weiß um die Unvereinbarkeit der Dinge, die trotz allem nebeneinander leben. Istanbul ist beides – Europa und Asien – und das macht es so reich. Da wird etwa ein Restaurant geschildert, dessen Gründer aus dem (eigentlich verfeindeten) Griechenland stammt. Oder eine junge Türkin, die sich in den Vereinigten Staaten, dem Findelkind europäischer Kultur, mit den tiefen Gründen kulinarischer Geheimnisse vertraut machte und die nun ein ganz eigenwilliges Restaurant leitet, das skandinavische Helle und Offenheit ausstrahlt. Die Kulinarik ist der sanfte Flügel von dem Schiller träumte, unter dem alle Menschen Brüder würden.

Auf, nach Istanbul!

Wenn man bis dato noch nicht dazu entschlossen war, sich in das Gewirr der Gassen Istanbuls, in die Märkte und Basare, die Moscheen und die Zeugnisse christlicher Kultur zu stürzen. Nach »Meze in Istanbul« könnte das der Fall sein. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Buchhändler. Reiselust könnte hier eine sein. Illustratorisch erinnert die Aufmachung und Gestaltung an die 50er Jahre. Mich jedenfalls. Bunte, großflächige Bilder, die Übermut ausstrahlen. Für die fünf Spaziergänge, die die Autoren vorbereitet haben, gibt es fünf lustig illustrierte Stadtpläne mit genauen Tipps und Hinweisen, wo man bummeln oder etwas entdecken kann. Das Geniale: weil man sich so ein schönes Buch nicht in den Reiserucksack steckt, gibt’s als Dreingabe vom Verlag sogar noch eine kostenlose App., von der man alle wichtigen Inhalte abrufen kann.

Mehr als nur Essen

Meze inDer Leser erfährt etwas über historische Hintergründe, über das musikalische Leben oder bekommt Aufschluss über das Leben im Ramadan. Tolle Bilder einer tollen Stadt erwartet man in einem guten Reiseführer sowieso. Was hier begeistert, das sind die kleinen Geschichten und vor allem die Gesichter, die hinter den Fassaden stehen und sich ihren Lebenstraum verwirklichen. Sie sind das Herz einer Stadt. Die wirklichen Gastgeber. Und schließlich offenbaren die Rezepte das Wesen dieser Menschen. Egal, ob es sich um grandiose Süßigkeiten handelt, um die vielen Vorspeisen, um Sesam-Mus, Safran oder Rosenwasser. Die Reise vor der Reise kann man sofort antreten. Den türkischen Kaufmann gibt’s um die Ecke. Und wenn man die Zutaten nicht alle bekommt, hält man es einfach mit jenem französischen Koch, den die Autoren zitieren. »Ein königlicher Küchenchef kocht mit seinen Sinnen, mit Gefühl, mit den Augen und mit der Nase.« Ersatz findet sich. Und wenn es am Ende geschmacklich passt, ist es richtig. Mit diesem großartigen Buch kann man seine Küchenpraxis jedenfalls erweitern. Auch wenn man nicht für seine Majestät höchstpersönlich kocht.

Unsere Kostproben

Für das erste Angrillen probierten wir eine scharfe Paste mit Tomaten und Paprika aus, Acili Ezme. Die besonderen Zutaten, wie etwa das scharfe Paprikamark, gab’s beim türkischen Supermarkt in Braunschweig. Sehr lecker war auch Haydari, eine Joghurtpaste mit Schafskäse und Kräutern. Dass nicht nur die Briten gern Minze verwenden beim Kochen, sieht man nicht nur bei diesen Rezepten.

Meze in Istanbul, 192 Seiten, 19,99 €. Den Titel gibt’s zum Beispiel in der Braunschweiger Buchhandlung Pfankuch in der Burgpassage oder in Wolfenbüttel bei Bücher Behr.

image_pdfimage_print

Leave A Response