Nährwertangaben werden verpflichtend

Posted on Jan 30 2015 - 4:19am by Andreas Molau

Die EU-Kommission schreibt ab Dezember 2016 verpflichtende Nährwertangaben für »vorgepackte« Lebensmittel vor. Was bedeutet das für kleine Hersteller vor Ort?

Für Industriewaren (links) kein Problem. Bei den Marmeladenchargen von Carola Ittermann (rechts) wird's schon schwieriger mit den Nährwertangaben.

Für Industriewaren (links) kein Problem. Bei den Marmeladenchargen von Carola Ittermann (rechts) wird’s schon schwieriger mit den Nährwertangaben.

Es ist noch ein bisschen hin. Aber auch vermeintlich unbedeutende Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Im Dezember 2016 wird eine neue EU-Richtlinie in Kraft treten, die uns die Europäische Kommission beschert hat. Es geht um die »Bereitstellung von Lebensmittelinformationen für Verbraucher«. Dieser soll sich bei »vorverpackten Lebensmitteln« über die Nährwerte informieren können. Alle Hersteller von Fertigprodukten haben deshalb zukünftig Angaben zum Energiegehalt und sechs Nährstoffen zu machen. Da geht es um Fette, gesättigte Fette, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz. Wie man das bereits aus dem Supermarkt kennt, wird der Anteil dann auf je 100 g bzw. 100 ml bezogen ausgewiesen werden müssen. Natürlich gibt es noch weitere Bestimmungen. Wo man die Zubereitung einer »Pizza Napoletana« ausführlich festschreibt, bleibt es nicht aus, dass den Produzenten kleinste Darstellungsdetails bzgl. der Schriftgröße etc. nicht erspart bleiben.

Keine Diskussionen erwünscht

Über die Neuerung wurde politisch wenig debattiert. Im Prinzip wäre das auch nutzlos, denn die EU-Kommission ist nicht von den Bürgern gewählt und muss sich diesen deshalb nicht verantworten. Die Kennzeichnungspflicht gehört, wie die im letzten Jahr zu den Allergenen erfolgte, zu den Entscheidungsfeldern, die der demokratischen Debatte entzogen sind. Trotzdem ist es natürlich angebracht, nach dem Sinn zu fragen, vor allem aber nach den Folgen. Nachgefragt beim Bundesernährungsministerium in Berlin wurde die neue Verordnung damit begründet, dass der Verbraucher ein größtmögliches Recht auf Transparenz habe. Man denkt da an die hanebüchenen Prozesse aus den USA, wo übergewichtige Konsumenten Fast-Food-Hersteller verklagen, weil diese nicht gesagt hätten, dass Pommes frites und Hamburger Dickmacher seien.

Wer braucht Nährwertangaben

Transparenz ist immer gut. Kulinarisch38 hat das nicht nur einmal zum Thema gemacht. Das finge allerdings bei irreführenden Produktbildern und Namen an, die ganz legal falsche Realität vorgaukeln. Der Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren etc. Dass vor allem Zutaten und Zusatzstoffe deklariert werden müssen, lässt sich einsehen. Aber eine verpflichtende Nährwertangabe? Natürlich gibt es Menschen, die mit Tabellen beim Essen sitzen. Die wissen jedoch in der Regel bereits jetzt sehr genau, wie viel Punkte ihre Diät für heute noch zulässt. Welcher durchschnittliche Verbraucher studiert die prozentuale Nährwertverteilung? Und welchen Sinn ergibt die Erkenntnis darüber? Wenn auf den Gummibären steht, dass die fettfrei seien, zeigt sich die Manipulationsmöglichkeit jedes guten Gedankens.

Die Folgen der neuen Verordnung

Schließlich wird die neue Verordnung vor allem für kleine Anbieter und Manufakturen zu großen Problemen führen. Es wird nämlich, das ergab eine Anfrage an das zuständige Berliner Ministerium, keine Ausnahmen geben. Das heißt zum Beispiel für Betriebe in der Region wie die von Carola Ittermann mit ihren Marmeladen oder dem Feinkostmarkt Röber. Jede Charge muss sorgfältig ausgewiesen werden. Wenn die Betriebe Glück haben, könnte das Ganze nur zusätzliche Zeit kosten (und damit Geld). Der Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel e.V. rät deshalb auf Nachfrage von Kulinarisch38: »Vielleicht hilft es den kleinen und kleinsten Betrieben, dass Durchschnittswerte anzugeben sind, die man auch anhand der Nährwertdaten in allgemein anerkannten Tabellen berechnen kann.«

Behördenwillkür droht

Ob wirklich keine aufwendigen Analysen erwartet werden, wie der Verband annimmt, wird sich indes zeigen. Gerade bei Produkten mit einem großen Ob-und Gemüseanteil gäbe es zahlreiche, teils jahreszeitlich bedingte Schwankungen, die von der Überwachung in der Regel berücksichtigt werden, erklärt der Verband. Das allerdings hört sich sehr nach Behördendschungel und der damit verbundenen Willkür an. Wie wird so ein Gesetz von der Lebensmittelkontrolle überwacht? Wie hoch wird der tatsächliche Aufwand sein? Man hat wieder einmal den Eindruck, dass Gesetze und Verordnungen nicht nur ohne Praxisbezug in die Welt gebracht werden, sondern vor allem leider auch, ohne die Folgen abzuschätzen.

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1 Comment so far. Feel free to join this conversation.

  1. Petra Patsiaouras 1. Februar 2015 at 0:37 - Reply

    Schreibtischtäter, ohne Bezug zur Realität. Da gäbe es doch Wichtigeres zu deklarieren, Herstellung der Rohstoffe, Düngung, Futter, Bestrahlung zur Haltbarmachung, bei Gewürzen schon üblich, Durchleuchtung mit Röntgengeräten der ganzen LKW Ladung an der Grenze ob es da versteckte Personen gibt, wobei der Fahrer sogar aussteigen muß, sowas würde mich mehr interessieren. Marmelade koche ich immer 1:1 mit Zucker und wenn das nicht so ist, ist ein Konservierungsmittel fällig und der muß eh drauf stehn, aber den Nährwert finde ich uninteressant. Das soll wahrscheinlich nur von was Interessanterem ablenken und suggerieren, daß da was für den Verbraucher getan wird.

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