Spargeldämmerung – ein Nachruf

Posted on Jun 25 2014 - 4:52am by Andreas Molau
Spargeldämmerung in Deutschland.

Spargeldämmerung in Deutschland.

Spargeldämmerung in Deutschland. Kulinarisch38 mit dem exklusiven Nachruf auf das edelste aller Gemüse.

Wir nehmen heute Abschied von einem treuen Begleiter auf dem Teller. Seit Ende März verwöhnte er den Gaumen, war immer für uns da. Fleißige Hände entrissen ihn dem Dunkel der Erde. Und da lag er nun viele Wochen lang an jeder Straßenecke in kleinen, mobilen Ständen, an denen Studenten sich ein paar Euro zusätzlich verdienten. Selbst sonntags konnte man sich auf’s Rad schwingen, ins nächste Dorf fahren, um sich für den Tag zu versorgen. Und nun, kurz nach dem kalendarischen Sommeranfang ist er nun von uns gegangen. Der Spargel. Weiß und unschuldig lag er auf dem Teller, versorgte uns mit Vitaminen und Mineralien. Wer ihn mehrmals in der Woche auf dem Speiseplan hatte, vermied vielleicht sogar die Sommergrippe. Denn das enthaltende Zink stärkt die Immunkräfte.

Gute Vorsätze

Es ist immer das Gleiche. Man hatte sich vorgenommen, ihn einmal gebraten zu essen, mit Lachs oder den leckeren Salat zuzubereiten. Die Sauce hollandaise war nicht gelungen. Ein zweites Mal hatte man keine Lust dazu. Und die richtigen Gerätschaften für ein Wasserbad sind auch noch nicht in der Küche. Nun ist es zu spät. Der 24. Juni ist das Ende. Kirschen rot, Spargel tot, sagt der Volksmund. Das kann man zwar umgehen. Aber als Kulinariker wird man den Einfrierspargel ebenso verschmähen wie labbrige Konserven. In anderen Breiten mag man tollen Spargel anbauen. Jedoch wahre Größe zeigt sich im Verzicht. Reisen erweitern den Horizont. Das gilt nicht für das Edelgemüse. Dieses leidet in den Kühlfrachträumen umweltverschmutzender Großtankerflotten. Die Exportware sollte man den Ländern gönnen, die nach Abzug aller Kosten für den Supermarkt-Ramsch sowieso nichts mehr verdienen. Vorbei ist vorbei.

Und die Hoffnung

Was bleibt ist der Trost. Die Märkte quellen über von frischem Gemüse und Obst. Im Garten oder auf dem Balkon kündigen sich bald die ersten richtigen Tomaten an, knackige Gurken gibt es in Hülle und Fülle. Brombeeren, Stachelbeeren, Kirschen. Am Horizont winkt die Pfifferlingssaison. Es gibt eine Welt nach dem Spargel. Und schließlich bricht nach jeder Nacht ein neuer Tag an. Nach jedem Winter ein Frühjahr. Und nach jeder spargellosen Zeit wird es Ende März wieder losgehen. Dann wird es erneut fleißige Hände geben, die ihn dem Dunkel der Erde entreißen. Und die kleinen Straßenstände werden wie Löwenzahn aus den Ritzen kommen. Bis dahin behalten wir Dich gut in Erinnerung und sagen Danke – allen Spargelbauern, Erntehelfern, Spargelschälern- und Verkäufern.

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