Während des Ramadans fastet nicht nur der Magen

2. Juli 2014 von

Der Ramadan ist auch in der Kulinarisch38-Region ein fester Bestandteil des Lebens. Wir sprachen mit Resul Özcelik von den Integrationsbloggern über diese Zeit.

GThpNQFX

Kulinarisch38: Während die Christen ihre Fastenzeit hinter sich haben, steht sie für die Muslime an. Was bedeutet das Fasten für Dich ganz persönlich?

Resul Özcelik: Selbstreflexion! Für mich bedeutet der Monat Ramadan, ein Monat der Besinnung. Ich reflektiere in dieser Zeit besonders, was ich in den vorangegangenen Monaten verrichtet habe. Verrichten der Werke, bezieht sich auch auf das Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen. Ich nehme mein Verhalten unter die Lupe, angefangen von meiner Familie bis hin zum Nachbarn, Arbeitskollegen und Menschen, denen ich auf der Straße begegnet bin. Nach 30-tägiger Reflexion versuche ich, mein modifiziertes Verhalten in den darauffolgenden 11 Monaten beizubehalten. Das Gedenken an meine Mitmenschen heißt aber ebenso, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es den Menschen in Ländern wie Afrika ergeht. Daraus entwickelt sich die Notwendigkeit und das Gefühl, den Menschen in diesen Ländern zu helfen.

Ein neuer Tagesablauf

Kulinarisch38: Wie kann man sich das praktisch mit dem Essen vorstellen? Der Verzehr von irdischen Substanzen und Speisen sei nicht erlaubt. Jedenfalls sobald man »einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden« kann. Also vor dem Morgengrauen und nachts. Wie sieht dann so ein Tag essenstechnisch aus?

Resul Özcelik: Wie die übrigen Monate ist auch der Monat Ramadan genauestens berechnet. Die Tage sind in 5 Zeiten aufgeteilt. Vormittag, Mittag, Nachmittag, Abend und Nacht. Vor dem Morgengrauen bedeutet für den Ort, in dem ich wohne, 3:45 Uhr (erster Tag Ramadan). Bis vor dieser Zeit empfehlen Ärzte bis zu 2 Liter Wasser zu sich zu nehmen. Mit meiner Familie habe ich abgemacht, dass wir 2:30 Uhr aufstehen und gemeinsam Essen. Bis 3:45 wird gegessen, anschließend machen wir uns fertig für das Morgen-Gebet. Wir befinden uns jetzt im Fastenzustand. Nach dem Morgen-Gebet wird dann geschlafen. Nach ein paar Stunden Restschlaf stehen wir noch mal auf und machen die Kinder für die Schule fertig. Da ich und meine Frau beide arbeiten, geht es danach zur Arbeit.

Der restliche Alltag ist eigentlich ähnlich gestaltet wie bei jedem anderen Menschen in Deutschland. Bis auf den Fastenzustand, in dem bei jeder Gelegenheit ein bisschen mehr auf Mitmenschen geachtet wird, bei jeder Gelegenheit mehr Bittgebete verrichtet werden als an anderen Tage, mehr aus dem Koran rezitiert wird, Lobpreisung und Gedenken an unserem Propheten (Friede und Segen auf Ihm) und das Gedenken an Allah / Gott. Also von allem ein wenig mehr als an sonstigen Tagen. Für einen Muslim in so einem Zustand ist die Arbeitszeit, jeder Schritt, jeder Blick, ja sogar der Schlaf ein Dienst an Allah / Gott. 21:58 darf man sein Fasten brechen und ich habe dann knapp über 18 Stunden gefastet. Bis zur Nachtzeit vergehen ungefähr 1,5 Stunden. In der Zeit esse ich, trinke ich und bete. Die Nachtgebete werden in der Regel gemeinschaftlich in der Moschee verrichtet. Zu Hause angekommen, fängt der nächste Ablauf für den 2. Tag an.

Ramadan mitten im Leben

Es ist also nicht so, weil wir Fasten, dass wir nicht am Alltag teilnehmen. Im Gegenteil, der Alltag ist halt ein wenig aufwendiger.

Kulinarisch38: Gibt es besondere Speisen, die Du zu Dir nimmst? Spät abends und vor allem wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat, dürfte das ja alles schwer verträglich sein.

Resul Özcelik: Es ist natürlich gesundheitlich nicht förderlich, wenn man nach 18 Stunden Fasten sich den Bauch vollschlägt. Es empfiehlt sich, nach dem Fastenbrechen kleine Portionen zu sich zu nehmen und viel zu trinken (2-3 Liter). Es ist auch nicht Sinn der Sache, am Abend zum Fastenbrechen den Tisch mit all möglichen Speisen zu decken, wie an keinem anderen Tag, außerhalb des Monats Ramadan.

Kulinarisch38: Es gibt ja Ausnahmen. Dürfen die muslimischen Fußballer bei der WM trotzdem essen?

Resul Özcelik: Es gibt Fatwas von Gelehrten. So genannte Rechtserlasse für Menschen die schwere Arbeit verrichten. Von dieser Fatwa machen, soviel ich weiß, auch Fußballer Gebrauch. Jedoch müssen die versäumten Tage nachgefastet werden. Auch kranke Menschen, denen der Arzt das Fasten abrät, sind davor befreit. Allerdings müssen diese Menschen das Fasten ausgleichen, in dem sie für jeden Fastentag einen Menschen in Armut in Form von zwei Mahlzeiten sättigen.

Reales Bild über Muslime in Deutschland

Kulinarisch38: Was die religiöse Pflicht anlangt, ist im Islam die Fastenzeit mehr als die Enthaltsamkeit über Tag beim Speisen. Da soll man zum Beispiel anderen nicht übel nachreden oder zu beleidigen. Gilt das nicht immer?

Resul Özcelik: Das gilt natürlich immer, jedoch ist es aus Reflexionsgesichtspunkten im Ramadan besonders wichtig, dass man sich dieser Sünde bewusst macht. Es ist also nicht nur der Magen, der fastet, sondern alle sonstigen Sinnesorgane ebenfalls. Dazu gehört, die Zunge vor übler Nachrede zu zügeln, das Auge vor sündhaften Blicken, das Ohr, die Hand usw. Der Monat Ramadan ist eine Gelegenheit, sich dieser Dinge zu besinnen und einen Zustand zu schaffen, der über das ganze Jahr andauert. Dies gelingt den wenigsten Muslimen und somit kommt diese Gelegenheit alle Jahre wieder.

Kulinarisch38: Für viele Deutsche sind diese Regeln fremd. Du betreibst ja einen Integrationsblog. Dort gibt es jetzt eine Facebook-Fotoaktion zum Ramadan. Was ist dabei Dein Anliegen?

Resul Özcelik: Die Fotoaktion soll einerseits dazu dienen, einen Einblick in den Alltag der Muslime im Ramadanmonat zu bekommen. Der Fokus liegt dabei hier in Europa. Viele in Deutschland sind irritiert durch die ganzen unterschiedlichen Medienberichte. Wir sind Muslime in Deutschland und nehmen am gesellschaftlichen Leben Teil. Das Profil eines Muslims in den Köpfen ist in der Regel durch folgende Merkmale gekennzeichnet: Archaisch, dogmatisch, determiniert, fanatisch und bildungsfern. Mit der Fotoaktion möchten wir unsere Gesellschaft dafür sensibilisieren, dass Muslime genau den gleichen Alltag zu bewältigen haben, wie auch unsere Nichtmuslimischen Mitbürger.

Hashtags zur Fotoaktion: #RamadanInGermany und #HappyGermanMuslims

Anzeige
Anzeigen